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Textsmash-AG für kreatives Schreiben und Performance

Bericht von Samuel:
In der „textsmash AG“ hatte ich mir zum Ziel gesetzt, verschiedenste Möglichkeiten des literarischen Ausdrucks zusammen mit den Schülerinnen und Schülern zu finden und zu erproben, um jedem Einzelnen einen großen Koffer an poetischen Werkzeugen für das spätere individuellen Schaffen an die Hand zu legen. Außerdem sollte die Besprechung entstehender und der Vortrag fertiger Texte geübt werden. Hier soll ein kleiner Einblick in die Arbeit und die Ergebnisse gegeben werden.

Nach Aufwärmspielen wie Assoziationsketten, Synonym- oder Reimwort-Wettsuchen bietet eine (scheinbar) feste Vorgabe einen guten Einstieg ins Schreiben. Eine Aufgabe, die es zu erfüllen gilt, schiebt den Druck „kreativ“ sein zu müssen, in den Hintergrund, das Beginnen fällt leichter und das Ergebnis ist meist weniger angreifbar.

Ein Beispiel dafür sind Fortsetzungsgedichte (eine Zeile schreiben, weiterreichen):

Kann mir irgendjemand sagen
wo
oder was oder wie
?
vielleicht ist es blau
am Ende stirbt es vermutlich
und es war der Gärtner
im Musikzimmer mit der Rohrzange


unten am Telefonmasten
sah ich dich neulich wieder stehen
und bückte mich
um meinen Stolz aufzuheben
wobei mir meine Ehre aus der Tasche fiel
und wie ich sie so im Staub liegen sah
fiel mir auf, dass ich meinen Mut zu Hause vergessen hatte

(Rhiannon Malter, Sophie Pump u.A.)

Oder es war die Aufgabe, nur mit dem Klang und dem Rhythmus der Worte zu spielen und den Inhalt (oder die grammatikalische Richtigkeit) als Nebensache zu betrachten:

Nasen hassen große Hasen
denn meine lassen Hose passen
Gauner gehen gern in Gassen
Massen sind gute, verflutete Klassen

(Kashajar Hani)

Damit schließlich der Übergang zum wirklichen, individuellen Schreiben gelingt, ist es wichtig, dass die tatsächliche Ausführung der Aufgabe in absoluter Freiheit geschieht.

Ich versuchte zu vermitteln, dass alles möglich ist und Regeln (zumindest was das Schreiben angeht) auch gebrochen werden dürfen.

Schön verdeutlicht wird dieses Konzept durch ein Gedicht, das entstand, als die Schüler Vexierreime konstruieren sollten. Es gehört mit zu meinen liebsten Ergebnissen:

Ich gieße Tee in die Kanne
und dabei gibt es mächtiges
Öl.

(Kashajar Hani)

(Was ein richtiger Vexierreim ist, kann nachgeschlagen werden. Hier soll nur erwähnt werden, dass es dabei ironischerweise um eine zu enttäuschende Erwartungshaltung geht.)

Diese Politik der Freiheit beißt sich natürlich mit dem Verbesserungsvorschlag, aber ich bin der Meinung, dass, auch wenn konstruktive Kritik der Weiterentwicklung zuträglich sein kann, Zuspruch (insbesondere am Anfang) mindestens doppelt so wirksam ist.
Als berühmter Autor wird man später noch genug kritisiert, weswegen ich Bestärkung und Freude am Schaffensprozess (unabhängig vom Resultat) in den Vordergrund stellte.

Dazu noch einen letzten, humorvollen Text, der aufzeigt, in welche Richtung die freigesetzte kreative Energie dann fließen kann.

Ich will ja nicht jammern

Ich will ja nicht jammern, aber immer so gut drauf zu sein, wie ich, ist echt anstrengend.
Ich will ja nicht jammern, aber wenn ich alle Armbänder anziehe, die ich anziehen will, schlagen sie gegeneinander und zum Schreiben muss ich sie dann ausziehen und bestimmt lasse ich sie irgendwo mal liegen, nur weil ich aufschreiben musste, dass John Maynard Keynes eine Ballettänzerin geheiratet hat. Schule ist scheiße.
Ich will ja nicht jammern, aber ich mag keine Bananen,
ständig haben alle Leute nur Bananen dabei und davon will ich nichts abhaben,
nie denkt jemand an mich.
Ich will ja nicht jammern, aber meine Haare sind zu dünn, meine Augen zu klein, meine Haut zu vernarbt und mein Arsch zu fett.
Ich will ja nicht jammern, aber meine Sparkassenkarte ist weg.
Ich muss sie am Cinemaxx abholen! Ist mir egal, dass das auf meinem Schulweg liegt, dafür muss ich mein Fahrrad extra anschließen.
Ich will ja nicht jammern, aber ich habe ein Kind, da sind so Sachen nicht mehr so einfach.
Ich will ja nicht jammern, aber wenn man immer so super ist,
dann sind die Erwartungshaltungen der Anderen schon anstrengend.
Ich will ja nicht jammern, aber
Hungerpipimüdekalt.
Ich will ja nicht jammern, aber es geht mir echt auf den Keks, dass alle immer nur rumjammern.
Hast du Kekse?
Bestimmt nicht.
Bestimmt nur Banane, ich mag keine Banane, ihr seid alle doof.

(Rhiannon Malter)